Alles was ich hab, hab ich von dir

Vor zwei Jahren ungefähr. Vielleicht waren es auch drei. Die Zeit vergeht ja so schnell.

Jedenfalls.

Da hast Du Dich auf ein Mal ganz anders angefühlt. Nicht besser. Oder schlechter. Einfach anders.

Auf ein Mal hast Du geweint und keine Tür mehr zugemacht. Plötzlich hast Du mir zugehört. Genickt. Und es fühlte sich an, als würde ich Dir etwas beibringen. Etwas sagen, dass Du noch nicht wusstest. Dir Hoffnung geben. Irgendwie bin ich dir – von jetzt auf gleich – über den Kopf gewachsen, und das erste Mal stelltest Du Dich nicht auf Zehenspitzen, um das zu vertuschen.

Das man älter wird, sieht man in den Gesichtern der anderen, sagt man.

Und man sieht es tatsächlich. Und man fühlt es. Ich kann die Zeit förmlich greifen, wenn wir uns umarmen. Ich spüre die letzten Jahre, wenn ich den Staub von den Kisten auf dem Dachboden wische. Ich nehme Deine Hand in meine – und Zeit wird greifbar und ich begreife, dass Erwachsen werden eben auch: nicht mehr nur Kind sein, heißt.

Da hast Du Dich auf ein Mal ganz anders angefühlt. Nicht besser. Oder schlechter. Einfach anders.

Du bist immer noch mein Superheld. Die selben Augen. Daran erkenne ich Dich.  Aber Du hast Dein Kostüm ausgezogen. Siehst plötzlich so angreifbar aus. Und vor zwei, oder drei Jahren – da hat mich das erschrocken. Da hat mir das Angst gemacht. Da hat mich das verunsichert.

Doch heute weiß ich: Du hast nicht aufgegeben. Du bist unbesiegbar.

Denn auch wenn wir älter geworden sind – sind wir doch die selben. Und: Superkräfte verliert man nicht. Die braucht man nicht auf. Die bleiben.

Du bist noch immer unbesiegbar.  Aber du musst es jetzt nicht mehr sein.

Denn: Ich entdecke meine Superkräfte. Schlüpfe in Dein Kostüm. Da passe ich mittlerweile fast rein. Wie früher, als ich heimlich in Deinem Kleiderschrank gestöbert habe. So fühlt sich das an. Nur irgendwie anders, denn: das gehört jetzt mir.

Denn: Alles was ich hab‘, hab ich von Dir. Mimik und Gestik. Deine Hände und Deinen Mut. Mein Selbstbewusstsein und die Vorsicht.

Bloß gut, dass Superkräfte erblich sind.

Jetzt bin ich dran. Und ich habe keine Angst mehr. Denn ich hab ja – nicht nur – Dein Kostüm geerbt.

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