Ich fühle die Welt so richtig

Ich tapse über den Boden, ziehe meine Socken aus. Barfuß, kralle die Zehen in den Boden, dann die Ferse. Den Boden unter mir, auf dem ich laufe, habe ich lange nicht mehr so intensiv wahrgenommen. Ich strecke meine Hände in den Himmel, stelle mich auf Zehenspitzen und spüre meine Bauchmuskeln. Und die Muskeln, die man von Liegestütze und Klimmzügen in Brust und Schulter bekommt. Das habe ich gestern trainiert. Kleine, schmerzende Stiche, wenn ich die Stellen massiere. Ich liebe es, alles so intensiv wahrzunehmen.

Mein Handy ist bei 2%, ich lasse Stories durchlaufen, ohne hinzusehen. Ich weiß, dass es gleich ausgehen wird, ich warte nur darauf. Der Akku ist leer und ich lege das Handy weg. Kein leuchtendes Display mehr in meinem Wohnzimmer, das Kabel vom Macbook ist durchgebrannt, den Computer habe ich heute noch nicht angemacht. Alles aus. Ich höre zehn Minuten dem Geprassel an der Fensterscheibe zu, bevor ich mein Tagebuch aufklappe und mit der Fingerkuppe über die Seiten streiche.

Alle sagen, du veränderst dich, und meinen damit etwas Schlechtes. Ist es das? Ich war mal freier. Leichter. Habe mehr getanzt. Mehr gelacht. Alle angesteckt mit meiner positiven Energie. In der letzten Zeit grübele ich nur noch. Ich bin immer noch der positive Mensch – ich verstecke ihn nur zu oft zu gut unter einer nachdenklichen Maske der Ausdruckslosigkeit.

Grübeln, nachdenken ist gut, es ist nur eine Phase, sechs Monate vielleicht schon. Übers älter werden, über das, was im Leben wirklich zählt, über Freundschaften und Zusammenhalt. Was ich im Leben machen will, was ich brauche, wen ich brauche, was mich ausmacht. Über Tod und Verlust und Leben und Glück.

Ich scrolle durch den Sommer 2016, in dem ich so glücklich war, so positiv, so voller Leben. “Ist alles gut bei dir? Weil du so leise bist.” Ich bin eigentlich nicht leise. Gerade aber schon. Ruhiger geworden. Ruhe mehr in mir. Möchte niemanden beeindrucken, lasse jedem seine Meinung, habe meine eigene, behalte sie für mich.

Man sagt, man soll sich nicht vergleichen mit dem Leben von anderen. Das verstehe ich. Das lebe ich. Wir alle lieben anders, wir alle trauern anders. Aber ich vergleiche mich – mit mir selbst. War das damals mein richtiges Ich, ist das jetzt mein richtiges Ich? Muss ich daran arbeiten, wieder zu meinem alten Ich zurückzufinden, oder werde ich in einem Jahr wiederum anders sein, weil das Leben immer nur voranschreitet, sich immer ändert, niemals zurückgeht, niemals still steht? Und tut es irgendwann nicht mehr so weh?

Ich stelle mich raus auf den Balkon, auf dicken Socken, wickele mich in meinen Pullover, meine nackten Beine übersät von kleinen Punkten. Gänsehaut. So stehe ich da, bis ich meine Beine nicht mehr merke, mein Hals kratzt, meine Finger kaum spürbar sind. Gibt mir ein gutes Gefühl, am Leben zu sein, reduziert mein Nachdenken auf ein Minimum, nur die wichtigen Dinge eben, lässt mich trotzdem alles fühlen. Als ich mich wieder bereit fühle, wärme ich mich drinnen auf. Das tat gut. Ich fühle alles, so richtig gerade. Die Welt und vielleicht auch irgendwann Antworten auf meine Gedanken.

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